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Neues vom virtuellen ESMO Kongress 2020


Infolge der COVID-19-Pandemie fand der diesjährige Kongress der Europäischen Gesellschaft für Medizinische Onkologie (ESMO) vom 19. bis 21. September 2020 virtuell statt. Unsere internationale Partnerorganisation, die International Kidney Cancer Coalition (IKCC) nahm an dem virtuellen wissenschaftlichen Programm teil, um über die neuesten Fortschritte bei der Behandlung und Therapie von Nierenkrebs auf dem Laufenden zu bleiben. Wie bereits im vergangenen Jahr hat die IKCC eine Zusammenfassung der wichtigsten Vorträge zur Verfügung gestellt, die wir im Folgenden gerne für Sie ins Deutsche übersetzt haben. 

Bitte beachten Sie: Die folgende Zusammenfassung wurde von Patientenvertretern für Patientenorganisationen auf der ganzen Welt erstellt. Obwohl diese Zusammenfassung medizinisch überprüft wurde, basieren die hierin enthaltenen Informationen auf öffentlichen Daten, die beim ESMO Kongress veröffentlicht wurden, sie erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit und sollen nicht als medizinischer Rat dienen. Bitte sprechen Sie über Ihre Behandlung und Therapie immer mit dem behandelnden Arzt. 

 ESMO 2020

 

Kombinationstherapien definieren weiterhin die Nierenkrebs-Behandlung

Dr. Toni Choueiri vom Dana Farber Cancer Institute in Boston, USA, präsentierte die Ergebnisse einer großen klinischen Studie namens CheckMate-9ER. In dieser Studie wurde eine Kombinationstherapie aus dem Immun-Checkpoint-Inhibitor Nivolumab und dem Tyrosinkinase-Inhibitor (TKI) Cabozantinib gegen eine Therapie mit dem Wirkstoff Sunitinib verglichen. Zur Studie zugelassen waren Nierenkrebspatienten, bei denen die fortgeschrittene (metastasierte) Erkrankung erst vor Kurzem entdeckt wurde und die bisher noch keine Behandlung hatten. Insgesamt 651 Patienten erhielten nach dem Zufallsprinzip entweder Nivolumab/Cabozantinib oder Sunitinib. Die Patienten blieben in der Studie, bis sich entweder ihr Nierenkrebs verschlimmerte oder die Nebenwirkungen für den Patienten zu stark wurden. Die meisten Patienten wurden etwa 18 Monate lang beobachtet.

Die Studie sollte zeigen, wie lange es dauert, bis sich die Nierenkrebs-Erkrankung der Studienteilnehmer verschlimmert (progressionsfreies Überleben). Die Forscher wollten auch wissen, wie die Behandlungen im Vergleich abschnitten, wie lange die Patienten überlebten, wie ihre Tumoren reagierten und welche Nebenwirkungen bei den Patienten auftraten.

Die Ergebnisse der Studie zeigten, dass sich das progressionsfreie Überleben bei Patienten, die nach dem Zufallsprinzip zu Nivolumab plus Cabozantinib randomisiert wurden (16,6 Monate), im Vergleich zu Patienten, die Sunitinib erhielten (8,3 Monate), verdoppelte. In ähnlicher Weise lebten Patienten, die nach dem Zufallsprinzip zu Nivolumab plus Cabozantinib randomisiert wurden, signifikant länger als Patienten, die Sunitinib erhielten.

Mehr als die Hälfte der Tumoren (und Metastasen) schrumpfte in der Gruppe der Patienten, die Nivolumab/Cabozantinib einnahmen (55,7%), während sich in der Gruppe der Patienten, die Sunitinib bekamen, 27,1% der Tumoren und Metastasen verkleinerten. Bei 8% der Patienten, die Nivolumab/Cabozantinib einnahmen, verschwand der Krebs sogar vollständig, verglichen mit 4,6% der Patienten, in der Sunitinib-Gruppe.

Beide Gruppen hatten Nebenwirkungen, aber es zeigten sich keine neuen Beschwerden, die zuvor unter den eingesetzten Medikamenten nicht bekannt war. Die Nebenwirkungen wurden als beherrschbar angesehen. Patienten, die Nivolumab/Cabozantinib einnahmen, hatten schlimmere Nebenwirkungen, 19% der Patienten benötigten eine medikamentöse Behandlung mit Kortikosteroiden.

Dr. Choueiri kam zu dem Schluss, dass CheckMate-9ER zeigt, dass Nivolumab plus Cabozantinib bei der Erstbehandlung von Patienten mit fortgeschrittenem Nierenkrebs besser ist als Sunitinib, und unterstützt diesen Ansatz als neue Behandlungsoption für diese Patienten.

 

Follow-up Daten aus der Nivolumab-Ipilimumab-Studie CheckMate-214

Seit etwa 2 Jahren werden zur Erstlinien-Behandlung bei metastasierten Nierenkrebs-Patienten meist zwei miteinander kombinierte Arzneimittel (Kombinationstherapien) eingesetzt. Die erste zugelassene Kombinationstherapie besteht aus den beiden Immun-Checkpoint-Inhibitoren Nivolumab plus Ipilimumab, die bei Patienten mit ungünstiger Prognose (mehr zur Prognoseabschätzung) die Zeit bis zum Fortschreiten der Erkrankung im Verleich zu einer Sunitinib-Behandlung verlängerte (CheckMate-214). Kurz darauf wurden zwei Kombinationen aus Immuntherapie und zielgerichteter (targeted) Therapie zugelassen, die zeigten, dass Avelumab und Axitinib sowie Pembrolizumab und Axitinib im Vergleich zu Sunitinib bei der Behandlung der metastasierten Erkrankung besser waren.

Auf dem diesjährigen virtuellen ESMO-Kongress präsentierte Dr. Laurence Albiges vom Institut Gustave Roussy in Paris, Frankreich, Langzeitdaten aus der CheckMate-214-Studie in der Nivolumab und Ipilimumab mit Sunitinib verglichen wurde. Dabei lag der Schwerpunkt der Auswertung auf der Gruppe von Patienten, die keine Nierenentfernung (Nephrektomie) hatten. Die Kombination von Nivolumab und Ipilimumab verbesserte das Überleben bei Patienten mit hohem Rückfallrisiko, bei Patienten mit geringem Risiko zeigte sich jedoch keine Verbesserung. Keiner der Patienten sprach vollständig auf die Behandlung an.

Fazit: Studienteilnehmer, die nicht operiert wurden und deren Nierentumor noch vorhanden war, lebten durch die Kombinationstherapie aus Nivolumab und Ipilimumab im Vergleich zur Einzelbehandlung mit Sunitinib länger (26,1 Monate gegenüber 14,3 Monate).

Dr. Regan vom Dana Farber Cancer Institute in Boston, USA, präsentierte ebenfalls Langzeitdaten (42 Monate) aus der CheckMate-214-Studie mit Schwerpunkt auf behandlungsfreiem Überleben und Nebenwirkungen. Frühere Studien zeigten, dass Patienten lange Zeiträume haben können, in denen ihre Krankheit stabil bleibt, ohne dass eine medikamentöse Behandlung erforderlich ist. Während dieser Zeit können jedoch auch Nebenwirkungen auftreten. In dieser Studie wurde dieser Effekt genauer untersucht. Die Forscher verwendeten Daten aus der CheckMate-214-Studie, in der die Kombination aus Nivolumab und Ipilimumab bei 1096 Patienten mit fortgeschrittenem klarzelligen Nierenzellkarzinom mit Sunitinib verglichen wurde.

Bei der Nachuntersuchung nach 42 Monaten waren 56% der Patienten unter Nivolumab/Ipilimumab noch am Leben, in der Sunitinib-Gruppe waren dies 47%. 13% waren noch unter Behandlung mit Nivolumab/Ipilimumab und 7% erhielten auch weiterhin noch Sunitinib. Bei 31% der Patienten unter Nivolumab/Ipilimumab und 12% unter Sunitinib war die Erkrankung auch ohne weitere medikamentöse Behandlung stabil. Das behandlungsfreie Überleben lag bei Patienten, die Nivolumab/Ipilimumab erhielten bei 7,8 Monate und war damit höher als bei Patienten, die Sunitinib erhielten (3,3 Monate). Das behandlungsfreie Überleben ohne Nebenwirkungen betrug 7,1 Monate bzw. 3,0 Monate.

 

Die Behandlung von nicht-klarzelligem Nierenzellkarzinom ist weiterhin von großem Interesse

Auf dem diesjährigen virtuellen ESMO-Kongress wurden zwei Studien vorgestellt, die Behandlungen für nicht-klarzellige Formen von Nierenkrebs untersuchten. Nicht-klarzelliges Nierenzellkarzinom macht etwa 20-25% aller Nierenzellkarzinom-Diagnosen aus und hat normalerweise eine schlechtere Prognose als das klarzellige. Es wurde gezeigt, dass sowohl Cabozantinib als auch Immun-Checkpoint-Inhibitoren Patienten mit nicht-klarzelligem Nierenzellkarzinom helfen können.

Die Ergebnisse von COSMIC-021 wurden von Dr. Bradley McGregor vom Dana-Farber Cancer Institute in Boston, USA, vorgestellt. COSMIC-021 ist eine multizentrische Phase-1b-Studie, in der untersucht wird, ob eine Kombination des anti-angiogenen TKI-Cabozantinib mit dem Immun-Checkpoint-Inhibitor Atezolizumab Patienten mit verschiedenen soliden Tumoren helfen kann. 30 Patienten wurden eingeschlossen und etwa 13 Monate lang beobachtet. 16 Patienten (53%) blieben in Behandlung. Es gab 15 papilläre, 7 chromophobe und 8 andere nicht-klare Zell-Subtypen. Zehn Patienten (33%) sprachen teilweise auf die Behandlung an. Es gab keine vollständige Remission, aber die Behandlung kontrollierte den Krebs bei den meisten Patienten (93%). Die durschnittliche Dauer des Ansprechens betrug 7,9 Monate und die Patienten überlebten 9,5 Monate, ohne dass sich ihr Krebs verschlimmerte. 30% der Patienten zeigten schwere oder lebensbedrohliche Nebenwirkungen, es gab keine Todesfälle.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Cabozantinib plus Atezolizumab das Überleben bei Patienten mit nicht-klarzelligem Nierenzellkarzinom verlängerte und die Behandlung sicher war. Mehrere Subtypen von nicht-klarzelligem Typ sprachen auf die Behandlung an. Weitere Studien mit dieser Kombination nach Behandlung mit Immun-Checkpoint-Inhibitoren laufen derzeit, einschließlich Untersuchungen mit Patienten mit papillärem oder nicht-klassifiziertem, nicht-klarzelligem Nierenzellkarzinom.

Dr. Ram Srinivasan vom National Cancer Institute in Bethesda, USA, präsentierte eine Aktualisierung der klinischen Daten aus der Phase-2-Studie zu oralem MK-6482 bei Von Hippel-Lindau (VHL) -Krebs. Die Von-Hippel-Lindau-Krankheit wird durch eine Veränderung (Mutation) eines Gens verursacht, das als VHL-Gen bezeichnet wird. Es verursacht sowohl gutartige (nicht krebsartige) als auch bösartige (krebsartige) Tumoren, einschließlich klarzelligem Nierenkrebs. Es ist sehr selten und die Rekrutierung in klinische Studien ist schwierig. Derzeit ist die Operation die Hauptbehandlung; Nieren- und Pankreastumoren mit einem Durchmesser von weniger als 3 cm werden entfernt, um das Risiko einer Ausbreitung der Krankheit zu begrenzen und Nierenprobleme aufgrund mehrerer Tumoren in der Niere zu vermeiden.

Daten von 61 Patienten, die mit einem Medikament namens MK-6482 behandelt wurden, wurden zusammengefasst. MK-6482 blockiert eine Substanz namens HIF-2a, die unangemessen erhöht ist, wenn das VHL-Gen mutiert ist, was zur Bildung von Tumoren führt. Insgesamt reagierte mehr als ein Drittel der Patienten auf MK-6482 und über 90% der Tumoren wurden kleiner. Bisher kam es bei keinem der behandelten Patienten in der Studie zu einem Fortschreiten der Erkrankung. MK-6482 wird für die Zulassung durch die US-amerikanische Food and Drug Administration (FDA) bei Patienten mit VHL-Krankheit in Betracht gezogen. Zusätzliche Studien sind erforderlich, um die Wirksamkeit bei fortgeschrittenen Erkrankungen zu verstehen und um festzustellen, ob das Medikament in Kombination wirksamer sein könnte.

 

Biomarker zur Behandlung von fortgeschrittenem Nierenkrebs

Mithilfe von Biomarkern können Ärzte vorhersagen, welche Patienten auf welche Medikamente ansprechen. Ein guter Biomarker für Nierenkrebs wurde leider bisher noch nicht gefunden. Hier gibt es viele Herausforderungen, die es zu überwinden gilt. Trotzdem besteht weiterhin die Notwendigkeit, Biomarker ausfindig zu machen. Dies kann die Entscheidung für oder gegen eine bestimmte Art der Behandlung leiten. Zusätzlich können Biomarker auch dazu dienen den Erfolg einer laufenden Therapie zu überwachen.

Zwei während dem ESMO-Kongress vorgestellte Publikationen fassen die Arbeiten zur Bestimmung von Biomarkern für fortgeschrittenen Nierenkrebs zusammen. In einer Studie wurden die Spiegel der zirkulierenden zellfreien Tumor-DNA (ctDNA) bei 847 Patienten mit metastasiertem Nierenkrebs untersucht und anschließend das Tumorgewebe getestet. Die Studie zeigte, dass ctDNA mit der Prognose für Krebspatienten mit verschiedenen Arten von Tumoren assoziiert war, die zuvor mit einer Immuntherapie behandelt worden waren. Während der gesamten Behandlung zeigte jeder Anstieg über die ctDNA-Basiswerte ein schnelles Fortschreiten der Krankheit und eine schlechtere Prognose an. ctDNA-Spiegel unter dem Basiswert zeigten dagegen eine gemischte Reaktion an. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die ctDNA-Analyse zur Beobachtung der Wirksamkeit einer Immuntherapie bei Patienten mit metastasiertem Nierenkrebs durchaus eingesetzt werden kann.

Die Ergebnisse der Phase-2-BIONIKK-Studie mit Nivolumab, Nivolumab/Ipilimumab-Kombination oder einem VEGFR-TKI bei unbehandelten metastasierten Patienten zeigten, dass Biomarker zur Therapiewahl bei unbehandelten Patienten mit metastasiertem Nierenkrebs eingestzt werden könnten. Die Studie umfasste 154 Patienten, die mit einer Kombination aus Nivolumab oder Nivolumab/Ipilimumab oder einem VEGFR-TKI behandelt wurden. Patienten, deren Tumoren als "immun-niedrig" und "immun-hoch" eingestuft wurden, hatten schlechtere Ergebnisse mit Sunitinib. Patienten mit „angio-hohen“ und „normal-ähnlichen“ Tumoren hatten günstigere Ergebnisse mit Sunitinib.

Beide Arbeiten kommen jedoch letztendlich zu dem Schluss, dass sich Biomarker bei fortgeschrittenem Nierenkrebs bisher nicht als klinisch nützlich erwiesen haben und weitere Untersuchungen erforderlich sind, um genau die genetischen Mutationen zu identifizieren, die an Nieren-Tumoren beteiligt sind.

 

Danksagung:

Medizinische Experten:
Dr. Rachel Giles (NL)
Dr. Michael Jewett (CA)
Dr. Eric Jonasch (USA)
 
Texterin:
Dr. Sharon Deveson Kell (Großbritannien)
 
Vielen Dank an die IKCC für diese tolle Zusammenfassung!