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NIERENKREBS

Schlafstörungen - die unterschätzte Nebenwirkung


Eine schlechte Schlafqualität kann für Krebs-Patienten eine lästige und vor allem unterschätzte Nebenwirkung sein. Im Februar dieses Jahres gab es auf dem Deutschen Krebskongress das erste Mal umfangreiche Präsentationen zum Thema Schlafstörungen bei Tumorpatienten. Eines vorab: Es ist nicht der Krebs direkt, der die Schlaflosigkeit auslöst.

Kennen Sie das? Sie haben eine Erkältung mit starkem Hustenreiz. Dieser führt dazu, dass Sie nicht schlafen können und sich am nächsten Tag wie gerädert fühlen. Dieses bildliche Beispiel soll Ihnen vor Augen führen wie sich Menschen mit Schlafstörungen fühlen können.

Schlafstörungen kann die Lebensqualität erheblich beeinflussen. Aus diesem Grund hat die Arbeitsgemeinschaft ASORS (Supportive Maßnahmen in der Onkologie, Rehabilitation und Sozialmedizin) der deutschen Krebsgesellschaft eine eigene Arbeitsgruppe „Schlaf und Tumor“ eingerichtet. Diese besteht aus Neurologen, Schlafmedizinern, Psychiatern, Psychologen, Onkologen, Palliativ- und Rehabilitationsmedizinern. Auf dem Deutschen Krebskongress (DKK) 2016 präsentierten einige Mitglieder dieser Arbeitsgruppe wichtige Fakten zum Thema Schlafstörungen bei Tumorpatienten.

Neben der Zusammenfassung der Kernaussagen der DKK-Vorträge in diesem Wissenswert, standen die Experten dem Lebenshaus für Interviews zur Verfügung.

Ein- und Durchschlafstörungen sind im Allgemeinen häufiger als gedacht. So haben moderate bis schwere Schlafstörungen: 30% der Gesunden, 50% Patienten mit Depression und 60% Patienten mit Tumorerkrankungen. Bedenkenswert ist, dass

  • sogar noch 18 Monate nach der Diagnose „Krebs“ 36% der Patienten über Schlafstörungen klagen und
  • Schlafstörungen meist nie vom Patienten selbst an den Arzt berichtet werden.

Auch in unserer Umfrage zur Krankheitsbewältigung „Geh deinen Weg“ haben wir Patienten nach Schlafstörungen gefragt: 72% der Patienten antworteten, dass sie häufig oder manchmal unter Schlafstörungen leiden.

"Krebs an sich führt nicht direkt zu Schlaflosigkeit. Wie man heute weiß, gibt es viele Gründe für Schlafstörungen,“ weiß Prof. Dr. Herwig Strik, Neurologe an der Universitätsklinik Marburg. „Verschiedene Faktoren können beteiligt sein, die sich mitunter überlagern. So gibt es z.B. zwischen Schlafstörungen und dem Erschöpfungs-Syndrom (Fatigue) Wechselwirkungen.“

Gründe für Ein- und Durchschlafstörungen

Grundsätzlich können mehrere Gründe für Ein- und Durchschlafstörungen verantwortlich sein:

  • Physiologische Faktoren: z.B. Schmerzen, Bluthochdruck, Husten, Luftnot, Hormonstörungen etc.
  • Therapiebedingte Faktoren: z.B. Nebenwirkungen von Medikamenten, Strahlentherapie
  • Psychologische Faktoren: Angst, Stress, Depression, Grübelneigung
  • Chronobiologische Faktoren: Bewegungsmangel, reduzierte Belastbarkeit

 

Bei einer Pilotstudie mit 107 Tumorpatienten der Arbeitsgruppe „Schlaf und Tumor“ berichteten 68% der Patienten erhebliche Schlafstörungen, die zumeist einhergingen mit:

  • Schmerzen,
  • Depressionen,
  • Angst,
  • Sorgen um Familie, Arbeitsplatz und Finanzen.

Schlafstörungen bei Tumorpatienten (inkl. Interview mit Prof. Dr. Herwig Strik

Prof. Dr. Strik betonte, dass gerade Begleitmedikationen, also Medikamente die zur Behandlung von Nebenwirkungen eingesetzt werden, einen großen Einfluss auf die Schlafqualität haben könnten. Die Analyse dieser Begleitmedikationen sollte als allererstes durchgeführt werden und die richtige Handhabung der Medikamente mit dem Patienten besprochen werden. Einige dieser Medikamente können aktivierend auf den Patienten wirken. Als Beispiel nannte er den Gebrauch von Steroiden, bei denen eine Hochdosis in der Früh – anstatt morgens, mittags, abends – eine mögliche Erleichterung für die Patienten darstellen könnte.


Schmerz als Störfaktor (inkl. Interview mit Dr. Thomas Schulte)

Dr. Thomas Schulte, ärztlicher Direktor der Rehaklinik Bad Oexen, ging auf das Thema Schmerz als Störfaktor beim Schlafen ein. Er berichtete, dass meist eine Kombination aus mehreren Faktoren den Schlaf stören. Viele Reha-Patienten haben bereits zu Rehabeginn bestehende Schlafstörungen und Schmerzen. Dr. Schulte unterstrich, wie wichtig eine detaillierte und aufwendige Anamnese u.a. hinsichtlich Schmerz, anderen Störfaktoren, psychischer Belastung und eine adäquate Schmerztherapie ist.



Angst, Grübelei und Depressionen als Störfaktor (inkl. Interview mit PD Dr. Stefan Cohrs)

Eine Verbesserung der Schlafqualität geht mit einer Verbesserung der Lebensqualität einher. Daher plädierte PD Dr. Stefan Cohrs, Schlafmediziner und Psychiater, von der Universitätsklinik Rostock, für eine frühe Behandlung von Schlafstörungen. Damit eine frühe Behandlung erfolgen kann, muss jeder Patient sich mit seiner Schlafqualität besser auseinandersetzen.

Um Schlafqualität und Schlafstörungen bei seinem behandelnden Arzt besser beschreiben zu können, gab PD Dr. Cohrs uns folgende Schlüsselfragen an die Hand, die sich jeder Patient stellen sollte:

  1. Bin ich zufrieden mit meinem Schlaf?

Wenn nicht, schließen sich Folgefragen an:

  1. Sind es Einschlaf-, Durchschlafstörungen oder gibt es ein Früherwachen?
  2. Wie läuft der Schlaf eigentlich ab: Wann gehe ich ins Bett, wann schlafe ich ein? Wie verläuft die Nacht? Warum wache ich auf, wenn ich aufwache? Ist die Schlafqualität subjektiv für mich erholsam gewesen? Wie fühle ich mich am nächsten Morgen?
  3. Wie ist meine Stimmung tagsüber?



Lichteinfluss als Störfaktor (inkl. Interview mit Diplom-Psychologe Werner Cassel)

Einen weiteren Aspekt für Schlafstörungen präsentierte Diplom-Psychologe Werner Cassel des schlafmedizinischen Zentrums der Universitätsklink Marburg: Den Einfluss von Licht.

1998 fand die Wissenschaft neue Sinneszellen (Rezeptoren) in der Netzhaut des Auges, die nicht zum Sehen genutzt werden. Diese Sinneszellen messen die Helligkeit und sind mit dem Teil des Gehirns verbunden, in dem die meisten Funktionen unserer „inneren“ Uhr lokalisiert sind – dem sogenannten Nucleus suprachiasmaticus. In diesem Bereich wird die Melatonin-Ausschüttung gesteuert. Melatonin ist – nur für Menschen – ein „Schlafhormon“, d.h. durch Melatonin werden wir müde. Normalerweise ist der Melatoninspiegel tagsüber – wenn wir viel Licht ausgesetzt sind – sehr niedrig. Leider erleben wir, durch unsere moderne Lebensweise tagsüber meist einen Lichtmangel, während wir abends einen Lichtüberschuss haben. Einen Lichtüberschuss produzieren z.B. die Beleuchtung im Badezimmer – die Lampen dort sind so angebracht, dass das Gesicht hell ausgeleuchtet wird oder auch Bildschirme unserer Fernseher, Smartphones etc. Dieses hat einen negativen Einfluss auf den Melatoninspiegel. Einige Handy-Hersteller haben hier schon reagiert. So haben z.B. Apple-Geräte eine Funktion namens „Night shift“. Dort kann der Nutzer einstellen, ab wann das sehr helle, blaue Licht des Gerätes abgedimmt werden soll. Der Blaulichtfilter verwandelt dann den Bildschirm in eine Art Sepia-Farbe.

Ein angemessener Umgang mit Licht ist also ein wichtiger Baustein in der verhaltensmedizinischen Behandlung von Schlafstörungen.


3 Hauptprinzipien bei der Behandlung von Schlafstörungen

Dabei verfolgt die Behandlung von Schlafstörungen 3 Hauptprinzipien, wobei die Option der medikamentöse Therapie von Schlafstörungen erst eingesetzt werden sollte, wenn die ersten beiden Prinzipien versagt haben:

  1. Analyse und Behandlung von „fassbaren“ Ursachen für die Schlafstörungen. Können belastende Symptome behandelt werden? Welche Medikamente nimmt der Patient ein, die ggf. Einfluss auf seinen Schlaf hat? Liegen Angst oder Depressionen vor?
  2. Psychoonkologische Betreuung und Verhaltensberatung.
  3. Medikamentöse Therapie (erst bei Versagen von den ersten beiden Prinzipien)

Die beim Deutschen Krebskongress beteiligten Ärzte der Arbeitsgruppe „Tumor und Schlaf“ betonten, dass Schlafstörungen von den Patienten unbedingt ernst genommen und ihrem behandelnden Arzt gemeldet werden sollten.

Wir danken den anwesenden Ärzten der Arbeitsgruppe „Schlaf und Tumor“ der ASORS für die freundliche Unterstützung durch Interviews und Rückmeldungen bzgl. unserer Initiative „Geh Deinen Weg“.

Allgemeine Tipps bei Schlafstörungen

Das Lebenshaus hat hier ein paar allgemeine Tipps bei Schlafstörungen zusammengestellt:

Empfehlenswert ist, wenn

  • das Schlafzimmer dunkel und von Geräuschen abgeschottet ist. Probieren Sie ggf. Ohrenstöpsel und eine Schlafmaske
  • das Schlafzimmer als solches genutzt wird und nicht als Wohn-, Arbeits-, Fernsehzimmer (also keine schlaffremden Tätigkeiten)
  • alle elektronischen Geräte aus dem Schlafzimmer entfernt werden
  • Sie nicht mehr rauchen und Ihren Koffein-Konsum einschränken

Tipps zur Verbesserung Ihrer Routine vor dem zu Bett gehen:

Vermeiden Sie vor dem „zu Bett gehen“:

  • Essen von kohlenhydrat-, zuckerreichen und stark gewürzten Speisen
  • Trinken von Alkohol – speziell 4-8 Stunden vorm Zubettgehen
  • Zuviel Licht wie z.B. komplette Badezimmerbeleuchtung, die Nutzung von Smartphones, Tabletts, Laptops

Tipps zur Verbesserung Ihrer Schlaf Routine:

  • Probieren Sie einen regelmäßigen Ablauf einzurichten: Schlafen und Aufstehen zum gleichen Zeitpunkt, jeden Tag in der Woche
  • Vermeiden Sie zu lange „Nickerchen“, besonders am späten Nachmittag
  • Probieren Sie regelmäßige Bewegung, aber mindestens 3 Stunden vor der Schlafenszeit

Erwägen Sie Entspannungsverfahren:

  • Effektive Entspannungsverfahren können z.B. Autogenes Training, progressive Muskelentspannung, Atemübungen oder auch leichtes Yoga etc. sein
  • Ängste und Sorgen sollten nicht vorm Schlafengehen diskutiert werden
  • Ein warmes Bad oder Kamillentee kann auch zu Entspannung führen

Sie können einfach immer noch nicht einschlafen?

  • Quälen Sie sich nicht mit dem Gedanken, dass sie jetzt schlafen müssten.
  • Stehen Sie wieder auf, verlassen Sie das Schlafzimmer und kehren erst zurück, wenn Sie müde sind

Wichtig: Nehmen Sie Schlafstörungen nicht auf die leichte Schulter, sondern reden Sie unbedingt mit Ihrem behandelnden Arzt!

Haben Sie weitere Tipps bei Schlafstörungen? Was hat Ihnen geholfen? Erzählen Sie uns davon.

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